Sind die Kapitalmärkte auf Basis des KGV mittlerweile überbewertet?

Die Börsen in Europa und den USA befinden sich seit einiger Zeit im Konsolidierungsmodus. Da es in den letzten Wochen keine weiteren Kurssteigerungen gab und sogar zwischenzeitlich Korrekturen eingetreten sind, fragen sich bereits ungeduldige Anleger, ob es das mit der Hausse bereits war. Manche weisen auf die scheinbar hohen Bewertungen bei Aktien hin, die eine größere Korrektur mit sich bringen könnten. Als beliebte Bewertungskennzahl wird das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) an der Börse herangezogen. Dabei wird der aktuelle Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie eines Unternehmens gesetzt. Steht eine Aktie z.B. bei 50 € und beträgt der Gewinn je Aktie dieses Unternehmens 5 €, ergibt sich daraus ein KGV von 10. Der Kehrwert des KGV kann als eine Art Verzinsung interpretiert werden, wenn der Gewinn ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital (Aktienkurs) gesetzt wird (im vorliegenden Beispiel 5 € / 50 € = 10%). Im Allgemeinen gilt ein KGV von 10 als sehr billig, ein KGV von 30 als relativ teuer und ein KGV zwischen 15 und 20 als normal. Allerdings handelt es sich dabei um eine grobe Aussage, da immer der Einzelfall geprüft werden muss. Unternehmen mit hohem Gewinnwachstum verdienen auch höhere KGV, da sich dieses über die Zeit relativiert, wenn der Gewinn (Nenner) stark steigt.

Obwohl sich DAX und Dow Jones seit einigen Jahren in einem Bullenmarkt befinden, deuten die KGV der beiden Indizes noch nicht auf eine Überbewertung hin. Das KGV des DAX liegt derzeit bei etwa 15, während der Dow Jones ein KGV von 18 aufweist und damit teurer ist. Zu Zeiten der Finanzkrise betrug das KGV der beiden Indizes weniger als 10. Die Steigerung des KGV belegt, dass die Kurse in den letzten Jahren schneller gestiegen sind als die Unternehmensgewinne. Aktien sind somit definitiv teurer als vor einigen Jahren. Dennoch sind Aktien im historischen Vergleich immer noch angemessen bewertet. Erst bei einem KGV jenseits der 20 traten in der Vergangenheit auch größerer Korrekturen auf. So betrug das KGV im Jahr 2000 etwa rund 30. Dies würde bedeuten, dass der DAX heute bei etwa 24.000 Punkte stehen müsste, um die Bewertung von damals zu haben. Zudem lassen sich Bewertungskennzahlen von damals nicht vollständig auf heute übertragen, da sich vor allem alternative Anlagemöglichkeiten grundlegend verändert haben. Erhielt man vor 15 Jahren noch ansehnliche Festverzinsungen, sind diese heute kaum noch vorhanden. Schon alleine daher sind heute etwas höhere Bewertungen an der Börse gerechtfertigt, da es an Alternativen mangelt.

Die Börsen sind zusammenfassend also weit von den Bewertungen um die Jahrtausendwende entfernt. Eine Blase oder eine so genannte Dienstmädchenhausse bestehen sicherlich noch lange nicht. Dies wäre dann der Fall, wenn auf einmal jeder Mensch im Alltag über Aktien redet. Bei weiteren stärkeren Kurssteigerungen kann sich natürlich durchaus ein Blase auch einmal bilden. Was bedeutet dies für den Anleger? Die Börsen können durchaus weiter steigen, wenn auch möglicherweise mit geringeren Renditen als in den letzten Jahren. Je höher die Kurse kurzfristig laufen werden, desto stärker werden auch die Schwankungen sein. Für einen langfristig orientierten Anleger muss dies jedoch nicht schlimm sein, da er einen längeren Anlagehorizont mit bringt. Zudem kann sich ein Anleger für einen Einstieg auf Raten entscheiden, so dass er in regelmäßigen Abständen Beträge investiert. Dadurch lassen sich Kursschwankungen gut aushalten, da Kurse zu ganz unterschiedlichen Niveaus und Bewertungen eingekauft werden. Die Tatsache, dass die Notenbanken weiterhin wohl eine eher expansive Geldpolitik betreiben werden, da die Weltwirtschaft noch nicht die erhoffte Stärke zeigt, kann zusätzlich als Unterstützung für die Märkte aufgefasst werden. Dadurch bleibt der Anlagenotstand aufgrund des Niedrigzinsniveaus mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine längere Phase weiterhin bestehen.