„Sell in May and go away“ – was ist da dran?

Eine der populärsten Börsenweisheiten, die jedes Jahr im Mai aufs Neue diskutiert wird, lautet: „Sell in May and go away“. Übersetzt heißt das so viel wie: „Verkaufe all deine Aktienbestände im Mai und mache dir über die Sommermonate einen schönen Lenz“. Hintergrund dieser Weisheit sind statistische Auswertungen, die in der Tat gewisse saisonale Muster an den Aktienmärkten erkennen lassen. Rückblickend verliefen die Börsen im Zeitraum Mai bis Oktober in der Regel wesentlich schlechter als in den Monaten November bis April.

Dennoch: Ein Patentrezept lässt sich daraus nicht ableiten. Früher mag die Regel eher zugetroffen haben, als viele Marktteilnehmer sich in den Sommermonaten in den Urlaub verabschiedet haben und ihre Positionen zum Teil zur Sicherheit verkauften, was Druck auf die Aktienkurse ausübte. In Zeiten des Internets und der Smartphones hat jeder die Börse jedoch in der eigenen „Hosentasche“, so dass es weniger Notwendigkeit zum Verkauf der eigenen Positionen gibt. So zeigen auch die letzten 15 Jahre, dass man mit der Regel sechsmal richtig, jedoch neunmal falsch lag. Sicherlich kam es in den letzten Jahren häufiger in den Monaten Mai bis September zu Extremereignissen (z.B. Insolvenz von Lehman Brothers, Ausbruch der europäischen Schuldenkrise, Terroranschläge vom 11. September), die zum Teil zu erheblichen Verwerfungen an den Kapitalmärkten geführt haben. Dennoch ließ sich selbst in den „schlechten“ Börsenmonaten im Durchschnitt eine positive Rendite im DAX oder Dow Jones erzielen, wenn auch eine geringere als in den „guten“ Börsenmonaten.

Der Mensch braucht Regeln, an die er sich gerne klammert. Und da kommt diese Börsenweisheit gerade recht. Allerdings sind Kalendersprüche an der Börse im Allgemeinen mit größerer Vorsicht zu genießen. Vor allem für langfristig orientierte Anleger ist es nicht unbedingt ratsam, stur nach solchen Regeln zu handeln. So gab es in den letzten Jahren genügend Gegenbeispiele, bei denen sich Anleger rückblickend darüber ärgern, wenn sie während der Sommermonate nicht an der Börse dabei waren. Zudem lautet eine andere Weisheit, die garantiert immer zutrifft: „Hin und Her macht Taschen leer“. Zu häufiges, unkontrolliertes Handeln verursacht vor allem Transaktionskosten und möglicherweise auch Steuern, die sich negativ auf die Rendite auswirken. Daher sollte ein Anleger selbst nicht den Versuch unternehmen, durch Timing der Börse ein Schnippchen zu schlagen. Anleger, die von Saisonalitäten an der Börse überzeugt sind und einen gewissen Teil entsprechend investieren möchten, sollten daher auf speziell dafür zugeschnittene Fonds zurückgreifen.