EZB-Sitzung: Auf die große Börsen-Party folgt erst einmal der Kater

Wird eine Party zu lange und ausgelassen gefeiert, dann merken viele Gäste meist am Tag danach die Auswirkungen. Ähnlich ging es in den letzten Tagen an der Börse zu. Noch im Oktober waren die Anleger von der Aussage des EZB-Chefs Draghi wie elektrisiert, dass die EZB bereit sei, alle verfügbaren Instrumente zu nutzen, um das Wirtschaftswachstum in Europa anzukurbeln und die Inflation auf einen Zielwert von knapp unter 2% p.a. zu bringen. Neben der Ausweitung des laufenden Anleihekaufprogramms rechneten viele Anleger mit einer weiteren Senkung des Leitzinssatzes (mehr dazu lesen Sie hier).

Notenbank enttäuscht

Nachdem die Börsen daraufhin eine mehrwöchige Party mit deutlichen Kursanstiegen feierten, brachen die Aktienindizes nach der letzten Rede von Mario Draghi am 03. Dezember 2015 innerhalb von wenigen Stunden dramatisch ein. So verlor der DAX vom Tageshoch an die 5 Prozent und auch der Dow Jones gab deutlich nach. Der Euro legte gegenüber dem US-Dollar in kurzer Zeit um 4 Cent zu. Dieser Beitrag erläutert, was genau passiert ist, warum die Börsen so extrem auf eine vermeintlich unspektakuläre Rede eines Notenbankchefs reagieren und ob nun mit einem nachhaltigen Börsenrückgang zu rechnen ist.

Börsianer hatten sich mehr fiskalpolitische Maßnahmen erhofft

Normalerweise konnte Mario Draghi in seiner Amtszeit die Erwartungen der Anleger mit seinen Reden stets erfüllen bzw. übertreffen. Dieses Mal war es jedoch anders. Zwar kündigte der EZB-Chef an, dass der Einlagenzins für Banken weiter gesenkt werde und sich das derzeitige Anleihekaufprogramm um sechs Monate verlängere, doch das reichte den Anlegern scheinbar nicht. Enttäuschend war, dass die Zentralbank den Leitzins bei 0,05 Prozent unverändert ließ und das Volumen des Anleihekaufprogramms nicht erhöhte.

Ist die Reaktion der Börse nachvollziehbar?

In vielen Situationen zeigt sich, dass Börsen kurzfristig durch Emotionen getrieben sind. Denken Sie in diesem Jahr beispielsweise an das Drama rund um Griechenland, an die aufkommenden Konjunkturängste in China oder die sich androhende Zinswende in den USA. Häufig bedarf es eines einfachen Katalysators, warum ein Markt deutlicher zurückkommt. Nach dem mehrwöchigen Anstieg des DAX um über 1.000 Punkte wurde nun eben die Rede von Draghi als Grund für eine Korrektur herangezogen. In anderen Situationen hätte die Rede womöglich nicht mehr als ein Augenzwinkern hervorgerufen.

Was bedeutet dies nun für den langfristig orientierten Anleger?

Nachdem der erste Schock der EZB-Rede verdaut war, sah es am nächsten Handelstag schon wieder besser aus. Die US-Börsen holten die gesamten Verluste des Vortags nach einem guten Arbeitsmarktbericht fast komplett wieder auf. In einigen Tagen wird niemand mehr über die Worte von Mario Draghi reden. Denn dann nimmt sich die Börse schon wieder ein neues Thema vor: Die nahende Sitzung der US-Notenbank, auf der über die erste Zinserhöhung seit zehn Jahren entschieden wird. In Abhängigkeit der Zinsentscheidung werden die Kurse erneut in die ein oder andere Richtung heftiger ausschlagen.

Statistisch ist der Dezember in der Regel ein guter Börsenmonat und häufig verhalten sich Kurse am Jahresende recht stabil, so dass saisonal mit keinem größeren Rücksetzer in den nächsten Wochen zu rechnen ist (lesen Sie zur Saisonalität an den Börsen diesen Beitrag). Viel wichtiger ist für einen langfristig orientierten Anleger jedoch, dass er den permanenten scheinbar „wichtigen“ Terminen relativ gelassen entgegensieht und diesen keine zu große Bedeutung zukommen lässt. Als Wachstums- und Dividendenstratege muss er sich fragen, ob die Qualitätswerte des wikifolios „Wachstum und Dividenden“ wirtschaftlich darunter leiden, wenn die Zinsen in den USA um 0,25 Prozent steigen? Wird zum Beispiel Essilor deshalb eine Brille weniger verkaufen, wird McDonald´s daher einen Abnehmer weniger für seine Burger haben oder wird Stryker weniger künstliche Gelenke einsetzen? Wohl eher nein!