Der „anchoring effect“ als psychologische Falle für den Anleger

Empfinden Sie den Benzinpreis von derzeit etwa 1,40 Euro für einen Liter Super als teuer? Einige Leser werden die Frage sicherlich bejahen, denn vor noch etwa einem halben Jahr konnte man im Tiefpunkt des Rohölpreises einen Liter für 1,20 Euro bekommen. Andererseits erinnert sich mancher Leser noch an Benzinpreise von 1,70 Euro pro Liter vor etwa zwei Jahren. Für ihn mag der Liter heute extrem günstig erscheinen. Die Beurteilung, ob der Benzinpreis heute teuer oder günstig bewertet wird, hängt also nicht zuletzt auch davon ab, mit welchem Preis der Vergangenheit der aktuelle Preis verglichen wird oder anders ausgedrückt, wo der relevante Ankerpunkt des Beurteilers liegt. Was hat nun aber die Beurteilung der Benzinpreishöhe mit der Börse zu tun und welche Gefahren ergeben sich dadurch für den Anleger?

Auch an der Börse werden jeden Tag Kurse gebildet, die in die Entscheidungsfindung des Anlegers fließen. Je länger ein Index oder ein Wertpapier ein bestimmtes Kursniveau annimmt, desto stärker verankert sich dieses Niveau in den Köpfen des Anlegers. Abweichungen von diesem Ankerpunkt nach oben bzw. unten werden dann als teuer bzw. billig empfunden. Man bezeichnet dies auch als Ankereffekt oder englisch „anchoring effect“. Der Anleger lässt sich bei der Beurteilung eines Kursniveaus von vergangenen Kursständen beeinflussen, obwohl diese eigentlich in den meisten Fällen irrelevant sind. Hieraus ergeben sich nicht selten unüberlegte oder falsche Entscheidungen. Schauen wir uns jedoch zunächst den Chart des DAX über die letzten 10 Jahre an:

Ankereffekt

Nachdem der deutsche Aktienindex Ende der 90-er Jahre innerhalb weniger Jahre schnell bis auf 8.000 Punkte gestiegen war, bewegte sich der Index über viele Jahre in einer volatilen Spanne zwischen 4.000 und 8.000 Punkten. Diese Zone galt für viele Anleger lange Zeit als so genannte „Ankerzone“ und nach oben als unüberwindbar. Nach über 13 Jahren brach der Index schließlich nach oben aus, um bis auf fast 12.500 Punkte zu steigen. Für manchen Anleger stellte dieses Niveau eine schwindelerregende Höhe dar. Kein Wunder, dass dieses Niveau nicht wenige Investoren als teuer erachten. Diejenigen, die im Besitz von Aktien sind, neigen dann sehr schnell dazu, ihre Bestände verfrüht zu verkaufen. Andere, die keine Aktien besitzen, trauen sich auf höherem Niveau dann nicht mehr einzusteigen. In beiden Fällen möglicherweise ein großer Fehler, wenn der Markt in den nächsten Jahren weiterlaufen sollte.

Ein Kapitalmarkt ist also nicht deshalb teuer, weil er einen Kursanstieg hinter sich hat. Wichtige Fundamentaldaten deuten darauf hin, dass die Märkte unter normalen Schwankungen auch in den nächsten Jahren hervorragende Perspektiven haben und das jetzige Kursniveau eine gute Basis darstellt. Aufgrund des Ankereffekts wird es aber einige Zeit brauchen, bis Anleger das neue Kursniveau als neuen Ankerpunkt verinnerlichen. 12.000 Punkte klingen für viele nach den letzten Jahren immer noch als sehr hoch. Langfristig spielt es sowieso eine immer unwichtigere Rolle, wann der Anleger einsteigt. Er soll sich weniger darüber Gedanken machen, ob der Markt teuer oder billig ist, sondern sich vielmehr mit einer durchdachten Anlagestrategie am langfristigen Trend der Kapitalmärkte beteiligen.